Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst.


 
Unschulds Vermutung
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst. (Taschenbuch) Der Autor nimmt sich viel vor: nichts weniger als eine vergleichende Geschichte der westlichen und der östlichen (d. h. hier: chinesischen)Medizin von der Antike bis heute soll es sein. Ordnung in die labyrinthischen "Wege der Heilkunst" soll Unschulds spezielle These von den leitenden Metaphern bringen. Eine einfache, allzu einfache These: Der Körper samt seinen Organen ist an sich ohne Aussagekraft. Man kann ihn aufschneiden, betrachten, auseinandernehmen - über das Geheimnis des Lebens, von Gesundheit und Krankheit sagt er nichts. Also hat man zu allen Zeiten außermedizinische Bilder, Metaphern gewählt, die es erlauben, Fragen zu formulieren und Modelle zu entwickeln.- Als wissenschaftshistorisches Beobachtungsprinzip ist das nicht neu. Hans Blumenberg hat den Gedanken von den erkenntnisleitenden Großmetaphern in seiner "Metapherologie" schon vor drei Jahrzehnten entwickelt und plausibel gemacht. Unschulds Vermutung nun führt zur These, diese die heilkundliche Forschung leitenden Metaphern hätten stets und überall im herrschenden (oder aber herbeigesehnten) Staats- und Gesellschaftsmodell ihre spezifische Quelle. In seinen Worten: "Ein grundlegender Wandel in der Lebenswirklichkeit - ökonomisch, politisch, gesellschaftlich - bewirkt einen grundlegenden Wandel in der Sicht der Natur, und der wiederum bewirkt eine grundlegend neue Sicht des einzelnen menschlichen Organismus. Daraus schließlich entsteht eine neue Sicht von Krankeit und Gesundheit.".
Fast die Hälfte des Buches widmet Unschuld - wortreich und etwas umstandskrämerisch - dem Versuch, seine These für die Antike zu belegen. Die chinesisches Reichseinigung zum Zentralstaat "Qin" im 2. Jh. führt zu einem ganzheitlichen, das Gesamt des Leibes betrachtenden Körperbild, die in zahlreiche Kleinstaaten zersplitterte Polis-Kultur der Griechen liefert das Modell für eine eher analytische, zergliedernde, das Einzelphänomen fokussierende medizinische Spekulation. So weit, so einfach. Schon für die Spätantike und das eklektische Werk Galens scheint die Deutung weithergeholt. Mit den großen arabischen Ärzten des Mittelalters weiß Unschuld erst recht nichts anzufangen - sie sind ihm nur Aristoteles-Abschreiber ohne eigenen Beitrag zur Medizin. Dann geht es schon im Sauseschritt durch die Jahrhunderte, um die These, wo immer es einigermaßen paßt, zu exekutieren. Je mehr er sich der Neuzeit nähert, desto mehr verliert Unschuld die Lust oder auch die Materialkenntnis. Von Paracelsus bis Virchow wird er immer pauschaler und summarischer; wichtige Figuren der Medizingeschichte wie Brown, Meßmer und Hahnemann passen gar nicht ins Bild und werden kleinlaut als "Gegenbeispiele" vorgestellt.
Angesichts der modernen Standards der Wissenschaftsgeschichtsschreibung wirkt Unschulds Buch stark unterkomplex und verkommt phasenweise zur anekdotischen Plauderei. Er scheint diese Standards nicht zu kennen - dabei hätte er, von Blumenberg abgesehen, bei Bachelard, Canguilhem ("Das Normale und das Pathologische") oder Foucault ("Die Geburt der Klinik") etwas von dem theoretischen Rüstzeug sich zeigen lassen können, das man braucht, um den komplexen Diskursentwicklungen der neuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte auf die Spur ihrer Strukturen zu kommen.
Etwas unvermittelt mündet die Darstellung Unschulds in eine zeit(geist)kritische Polemik gegen die westliche Schwärmerei für TCM (Traditionelle Chinesische Medizin). Damit mag er Recht haben. Erwähnenswert an Unschulds nicht gerade theorielastigem Buch ist seine Bemerkung, die Theorie der wissenschaftlichen Revolutionen des seligen Thomas S. Kuhn paßten gar nicht zur Medizinhistorie. Auch das mag sein, sie "paßt" zu anderen Wissenschaften auch nicht besonders, wie man heute weiß, aber - ist die Medizin denn eine Wissenschaft? Im Kuhnschen Sinne?
Man mag Unschulds These, die er in seinem Buch mit ermüdender Redundanz eher behauptet als wirklich plausibel macht, anregend finden oder zu simplifizierend - wirklich ärgerlich ist der manirierte Stil des Buchs! Unschulds Liebe zu ultrakurzen, abgerissenen Hauptsätzen, Parataxen und umgangssprachlichen Satzfetzen nervt. Kostprobe? "Der Kranke wird erstmals ernst genommen. Damals wie heute. Das gefällt. Das verleiht Wahrschein. Wirklichkeit wird nicht benötigt. Keine Anatomie. Kein nichts. Aber die Wirkungen sind da. Wirkung als Wirklichkeit. Das reicht schon." Im Ernst. Das ganze Buch. Ist so geschrieben. Das ätzt. Verärgert. Geht auf den Wecker. Dessen, der Lesen kann. Und schreiben.
Schwer zu sagen, was sich der Autor von dieser onkelhaft-kauzigen Stil-Marotte verspricht. Hält er das für besonders didaktisch oder schreibt er mit Blick auf eine PISA-Generation von Lesern, die es lektüremäßig schon aus der Kurve trägt, wenn eine Satzperiode drei Zeilen überschreitet und ein Nebensätzchen wagt?
Der C.H. Beck-Verlag ist bekannt für niveauvolle historische Publikationen. Warum er d i e s e herausgebracht hat, bleibt sein Geheimnis genauso wie die Frage im Buchtitel unbeantwortet bleibt.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 11. September 2003
Kundenrezensionen:
3. Unschulds Vermutung (die aktuell angezeigte Rezension)
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1. Spannend wie ein Krimi durch die Jahrtausende der Medizingeschichte
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